Im Gespräch: Regula Rätz

Wenn die eigenen Kinder dauerhaft auf Pflege und Betreuung angewiesen sind, prägt das den Familienalltag nachhaltig. Entscheidungen rund um die bestmögliche Unterstützung sind oft mit vielen Überlegungen und Emotionen verbunden.

Im folgenden Interview erzählt Regula Rätz von ihren persönlichen Erfahrungen. Ihr Sohn Nico lebt seit etwa einem Jahr im Solothurnischen Zentrum Oberwald (SZO), nach 25 Jahren in einer anderen Institution. Sie berichtet davon, wie es zu diesem Wechsel kam, wie sie die vergangene Zeit erlebt hat und welche Veränderungen die neue Situation für sie und ihre Familie mit sich bringt.

Ihr Sohn Nico ist seit Mai 2025 im SZO. Was waren für Sie damals die wichtigsten Gründe für diese Entscheidung?

Nico war in einer anderen Einrichtung, seit er fünf Jahre alt war. Zuerst den halben Tag, dann ganztags, dann zwei Tage am Stück. Wir haben uns über Jahre ganz langsam gesteigert, so dass Nico sich eingewöhnen konnte.

Dann kam eine Rückenoperation – eine Rückenstreckung – und danach ging es medizinisch mit ihm bergab. Wir haben ihn schon damals, noch im Spital, für das Oberwald angemeldet, es ging ihm dann aber eine Zeit lang wieder besser, sodass wir gesagt haben, dass wir den Platz doch nicht brauchen.

Medizinisch wurde es dann aber immer schwieriger und im Dezember gab es einige Vorfälle, nach denen mir nicht mehr wohl war. Ich habe Nico also wieder im Oberwald angemeldet, und zum Glück haben wir zeitnah einen Termin bekommen. Wir hatten durch den Wechsel nach 25 Jahren einerseits ein weinendes Auge, andererseits aber auch ein lachendes Auge, weil wir wussten, dass es ihm medizinisch bei euch besser geht. Wir haben viel überlegt, ob wir das Richtige machen, aber im Nachhinein gesehen, war es der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort.

Wie haben Sie den Einzug und die Aufnahme im SZO erlebt?

Das fand ich super. Es kamen gleich alle helfen, alle haben Nico in ihre Mitte aufgenommen. Er war nicht aussen vor, sondern im Zentrum.

Wir haben danach alle noch miteinander geredet, zusammen mit Nico. Dieses erste Abtasten fand ich sehr gut. Für uns war das zum ersten Mal so, dass eine Besprechung gemeinsam mit Nico stattfand.

Noch einen Punkt fand ich positiv: Ich hatte im Vorfeld schon gemeldet, dass für Nico sein Fernseher ein ganz wichtiges Element ist. Beim Einzug haben dann alle geholfen, dass der Fernseher zum Laufen gebracht wird, was schlussendlich auch geklappt hat. Es waren alle sehr hilfsbereit, und das habe ich als sehr schön empfunden.

Wie erleben Sie allgemein die Zusammenarbeit mit dem SZO?

Sehr gut. Ich bin von meiner Art her so: Ich gebe Nico zu euch und ihr macht, was ihr für richtig empfindet. Und ihr macht das gut. Sonst müsste ich ihn zuhause behalten, wenn ich euch kontrollieren wollen würde. Ich kenne die Werte, die ihr mit den Klienten und den Angehörigen habt, und die finde ich super. Für mich lebt eine Institution auch von den Mitarbeitern, und ihr habt teilweise extrem langjährige Mitarbeitende, was ein gutes Zeichen ist. Und die kurzfristigen bleiben an allen Orten kurzfristig.

Wie würden Sie die aktuelle Situation Ihres Sohnes beschreiben?

Nico scheint mir viel ruhiger und viel entspannter. Er riecht immer gut, er ist immer sauber angezogen. Er hat 25 Jahre lang Kopfhörer getragen und Musik gehört, und die braucht er jetzt nicht mehr. Das war für uns unvorstellbar. Früher konnte er ohne Kopfhörer und Musik keine zwei Wörter mit anderen Leuten wechseln, ohne dass er unruhig wurde. Jetzt hört er einfach zu und schaut umher. Ich habe das Gefühl, er ist angekommen.

Das fällt auch allen Leuten in unserem Umfeld auf. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sein Körperempfinden jetzt für ihn angenehmer ist, oder dass er sich wahrgenommen fühlt. Ich weiss nicht genau, woran es liegt, aber ich finde es super. Ich habe das Gefühl, dass er sich extrem wohl fühlt.

Einen speziellen Moment gab es noch: Vor einigen Monaten habe ich vom Spital Solothurn eine Terminerinnerung per SMS bekommen. Ich kam dort an und dachte beim Durchlaufen, «Ach, das ist der gleiche Rollstuhl, den Nico auch hat.» Ich meldete mich an, und da wurde mir gesagt, dass Nico mit seiner Betreuungsperson auch schon vor Ort ist. Ich war davon ausgegangen, dass der Termin für mich ist, und war entsprechend verwirrt.

Erst dann habe ich mich umgedreht und gesehen, dass es wirklich Nico war, an dessen Rollstuhl ich vorbeigelaufen war. Früher hätte man ihn von Weitem gehört. Er war so entspannt, seine Begleitperson hat ihm ein Buch vorgelesen, es war einfach cool.

Seit September braucht Nico ausserdem seine Darm-Sonde nicht mehr. Früher wäre undenkbar gewesen, dass er über den Magen ernährt werden kann. Das zeigt mir auch, dass er nicht gestresst ist, sonst wäre das nicht gegangen. Und in der ganzen Zeit hatte er keinen Infekt, keine Grippesymptome, was für ihn auch aussergewöhnlich ist. Aber da habe ich jetzt gerade Holz angelangt (lacht).

Welche Wünsche haben Sie für Nicos Zukunft im SZO?

Einfach, dass er zufrieden ist und es ihm gut geht. Und dass es allen anderen um ihn herum gut geht. Dass er so viel Lebensqualität hat wie möglich.

Welchen Rat würden Sie anderen Angehörigen in einer ähnlichen Situation geben?

Manchmal etwas mehr Mut für Veränderungen zu haben. Mein Umfeld hat schon lange gesagt, dass ich für Nico eine andere Einrichtung suchen soll, die ihn medizinisch besser betreuen kann, aber mir fiel das nach so langer Zeit schwer. Jetzt hat sich gezeigt, dass es richtig war. Veränderungen sind auch Chancen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und Neues zu erleben.

Es gab durch den Wechsel eine riesige Entlastung, es ist wie Tag und Nacht. Früher wusste ich: Wenn wir in die Ferien fahren, kommen wir nicht bis zur Grenze, bevor jemand anruft, dass Nico auf den Notfall musste. Und dann musste ich jedes Mal wieder zurück. Wir wissen alle, dass mit ihm immer etwas sein kann, aber dieses ständige Bereitsein, das hat mich sehr gestresst. In den letzten Ferien war dann gar nichts, keine Sekunde. Das war perfekt (lacht). Auch zu wissen, dass er medizinisch versorgt ist, und dass wenn etwas sein sollte, ihr euch darum kümmert und nicht ich muss.

Bis heute kommt uns Nico einmal im Monat besuchen, sein Daheim ist aber das SZO. Ich rate das allen in einer ähnlichen Situation. Sind die Kinder klein, ist es unkomplizierter, im Erwachsenenalter wird es unter anderem durch das Gewicht schwieriger.

Und vielleicht noch als allgemeinen Rat: den Mut haben, anders zu sein.

Vielen Dank!