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Im Gespräch: Therese Wirth (Wohnen Mürgelistrasse)
Die Wohngruppen in Biberist und Zuchwil bieten ein Zuhause für unsere Klientel und ganzheitliche Unterstützung an, inklusive individueller Freizeitgestaltung und Teilhabe. Aber wie sieht der Arbeitsalltag auf den Wohngruppen aus? Therese Wirth vom Team Wohnen am Standort Mürgelistrasse gibt einen Einblick in ihre Erfahrungen.
Wie würdest du deinen Job mit drei Wörtern beschreiben?
Abwechslungsreich. Intensiv. Erfüllend.
Welchen beruflichen Werdegang hast du hinter dir?
Nach der Matura und einer Ausbildung zur Technischen Zollbeamtin habe ich vor über 30 Jahren die Ausbildung zur Sozialpädagogin, im Bereich mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen gemacht. Nach der Ausbildung habe ich in der Arbeit mit Menschen mit einer Behinderung ein Tätigkeitsfeld gefunden, das mir voll entsprach. Seither habe ich immer mit Menschen mit einer Behinderung gearbeitet.
Wie bist du dann ins SZO gekommen?
Ich wollte für den letzten Arbeitsabschnitt noch etwas Neues wagen. Für mich bedeutet es ein Stück Lebensqualität, wenn mein Arbeitsplatz nicht eine Stunde Autofahrt entfernt ist. Also habe ich mich in der Nähe umgeschaut und als in Zuchwil eine Stelle freigeworden ist, beworben.
In unserer Wohngruppe werden vor allem Menschen mit durch Unfälle oder Krankheiten erworbenen Behinderungen betreut, das war für mich neu und gleichzeitig entsprach es meinem Wunsch, mit erwachsenen Personen zu arbeiten.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Nach dem Morgenrapport gehe ich bei den Klientinnen und Klienten vorbei und begrüsse die Personen, die bereits wach sind. Dann lese ich mich kurz ein und beginne mit der Pflege einer Klientin. Unter der Woche kümmern wir uns zusammen mit dem Team AgoTa (Agogisches Tagesangebot) um das Frühstück. Gemeinsam mit dem Pflegeteam machen wir alle «parat», sodass sie in die agogischen Tagesangebote wechseln können. Und dann sind unterschiedliche Dinge mit den Leuten angesagt, die auf den Wohngruppen bleiben, zum Beispiel aufräumen, ein Spiel spielen, einkaufen … Lauter Tätigkeiten, die in einem familiären Alltag auch anfallen würden. Manchmal begleite ich auch bei einem Arzt- oder Coiffeurbesuch oder einer Freizeitaktivität.
Was ist bei deiner Arbeit herausfordernd, was besonders schön?
Herausfordernd finde ich das Zeitmanagement. Man könnte immer noch mehr machen und die Aktivitäten fast endlos ausbauen. Es geht immer darum, Schwerpunkte setzen, aber damit ist man wahrscheinlich in jedem Job konfrontiert. Ich wünsche mir ausserdem für unsere Branche, dass die administrativen Aufgaben nicht so zunehmen, dass es auf Kosten der Zeit mit der Klientel geht. Qualitätssicherung ist wichtig, aber nicht im Exzess. Manchmal bleiben sonst wichtige Dinge auf der Strecke. Aber das ist kein SZO-spezifisches Thema, sondern eher politisch.
Besonders schön finde ich, wenn die Kommunikation gelingt, vor allem bei Personen mit schwersten Behinderungen. Ich versuche auf dem aufzubauen, was da ist, und was ich über die Kommunikationsfähigkeiten der einzelnen Leute weiss. Mit der Zeit lernt man, die Klientel zu «spüren», wo es dann zum Beispiel nur einen Blick braucht, um zu wissen, wie es der Person geht. Die differenzierte Kommunikation finde ich nach wie vor herausfordernd, aber auch sehr spannend. Man muss sich auch immer in Acht vor Fehlinterpretationen nehmen. Manchmal ist man versucht, Sachen zu sehen und zu hören, die vielleicht nicht so sind.
Sehr positiv finde ich auch die Arbeit mit den Angehörigen, es ist ein Miteinander.
Was bedeutet deine Arbeit für dich persönlich? Was motiviert dich?
Ich habe grundsätzlich Menschen gerne (lacht). Und hier spüre ich ganz fest, dass ich eine sinnstiftende Tätigkeit habe. Was für mich auch schon immer wichtig war, ist, dass es eine Balance ist. Ich verstehe die Arbeit nicht nur als ein Geben, ich bekomme auch viel zurück, und das ist sehr schön und wichtig.
Was schätzt du an deinem Team oder an der Zusammenarbeit im SZO insgesamt?
Ich habe das Gefühl, bei uns ist die Professionalität sehr hoch. Gerade auch die jungen Kolleginnen im Team sind sehr engagiert, professionell und reflektiert.
Welche Begegnungen sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
Ein Klient ist in seiner Kommunikation sehr eingeschränkt. Ich engagiere mich bei ihm deshalb sehr, herauszuspüren, was er braucht. Er kann mit den Augen blinzeln und so «Ja» signalisieren, und Piktogramme mit den Augen ansteuern. Letztens ist es ihm dann zwei Mal gelungen, leicht zu nicken.
Eine sehr schöne Begegnung gab es, als wir Tandem-Velos für die Klientel und uns ausgeliehen haben. Zwei Bewohnerinnen hatten riesigen Spass, der sich auf die Passanten übertrug. Das wollen wir unbedingt wiederholen.
Sehr positiv sind auch die gruppenübergreifenden Erlebnisse wie zum Beispiel im Ferienlager in Magliaso, wo wir andere Leute kennenlernen, aus dem Alltag rauskommen und auch mal übermütig und albern sein können.
Was gibt dir Kraft, auch in schwierigen Situationen?
Durch unsere Arbeit werden viele Probleme relativiert. Mir gelingt es deshalb gut, mich nicht über Kleinigkeiten zu ärgern.
Was würdest du Menschen raten, die heute frisch in den Beruf einsteigen (wollen)?
Einfach mal vorbeikommen (lacht). Ich höre ganz oft «Oh, das könnte ich nicht.» Aber ich denke, das könnten sehr viele Leute. Vielleicht muss am Anfang eine kleine Hemmschwelle überwunden werden, aber unsere Klientel macht es einem dann sehr einfach. Die Menschen sind häufig sehr humorvoll und einladend und haben keine hohen Barrieren.
Vielen Dank!